Kontzes Blick über den Tellerrand
Sie heißen „superpimp1984“, „sexyhotgirlwithbrain69“ oder auch „2cool4U_in_buxtehude“ und sie sind die Filmkritiker des neuen Jahrtausends. Dass es sich hierbei um eine unaufhaltsam und zudem bakteriell-exponentiell wachsende Randgruppe handelt, ist auf einen sehr einfachen und doch gewaltigen Umstand zurückzuführen. Irgendwann nämlich kam ein visionärer Filmseitenpionier auf die Idee, unter den kleinen Kasten mit bewegten Bilder einen noch kleineren Button mit einer mystisch-kraftvollen Aufforderung zu platzieren: „Comment!“. In diesem Moment waren all die zu diesem Zeitpunkt noch in der Zukunft liegenden Kleinstfilmchen über kopulierende Beutelhamster oder über die epileptisch-exzessiven Tanzeinlagen gelangweilter Highschool-Kids vorab in den Rang echter Kunst erhoben. Und kurz darauf betätigte der erste Mensch das erste Mal den magischen Button und verfasste die kürzeste und zugleich dichteste Filmkritik aller Zeiten: „LOL“.Wie ein globaler Zündfunke erfasste diese cineastische Abhandlung die Weltgemeinde und die sich im Glasfasernervensystem der Welt immer höher stapelnden Fantastilliarden von Filmen fanden endlich Richter und Henker. Binnen kürzester Zeit wurde eine Fachterminologie geschaffen, die essayistische Filmkritiken in wenigen Zeichen komprimierte. Die Bandbreite reicht auch hier vom Lobgesang („ROFL“) über die skeptisch-distanzierte Kohärenzanalyse („WTF?“) bis zum filmhistorisch fundierten Totelverriss („SUCKS!“). Natürlich liegen die Wurzeln dieser stilistischen Kleidode in den Chatrooms dieser Welt, wo derartige sprachliche Präzision bereits lange vorher reifen konnte. Doch erst als Würdigung eines Homevideo-Blockbusters, wie einen in Feinripp-Schlüpfer vor dem Spiegel tanzenden Informatikstudenten, entfalten sie ihre ganze Kraft.
Was aber verleitet Menschen dazu, unter einem Videoansichtsfenster halbanonym die selben drei Buchstaben zu hinterlassen, wie hunderte nickname-Träger vor ihnen und nach ihnen? Ist es das menschliche Reviermarkierpinkeln des digitalen Zeitalters? Ist es Erschöpfung im Angesicht des multimedialen Overkills? Oder ergänzen sich hier sozialisiertes Analphabetentum und Effizienz zu einer zeitgemäßen Kommunikationsform für die schnelllebige Gesellschaft?
Um jedoch fair zu sein: Es gibt natürlich auch unter den Webfilmkritikern noch einige interessante Unterarten: Die textverliebten Romantiker etwa, die es im Überschwang manchmal auf mehrere Zeilen in ganzen Sätzen bringen. Oder die Breitband-Choleriker, die sich nicht über Filme aufregen, sondern über andere Kommentatoren und diese mit tendenziell unhöflichen Einschätzungen über ihr Aussehen, ihre Potenz oder das Berufbild ihrer Mutter beehren. Und nicht zuletzt die dadaistischen Geisterfahrertipper, die den Text todbringender Kettenmails nun endlich auch in die Kommentarleisten der Videoportale bringen. Heute schon auf YouTube gewesen? – dann achten Sie auf herabfallende Sensenmänner!
Übertreiben wir aber die Beleidigung dieser Randgruppe nicht. Wie sagte der große Filmkritiker „schnuffipuffi_123“ ganz richtig: „If you don’t like, don’t watch it.“
















































